Manchmal, wenn ich mich in letzter Zeit im Spiegel ansehe, habe ich das Gefühl, in ein fremdes Gesicht zu schauen. Was ist eigentlich mit mir los? Ich kann es nicht anders sagen – ich habe alles, wirklich alles, was sich eine Frau nur wünschen kann. Meine Beziehung ist glücklich, ich habe ein eigenes Haus und erfülle mir jetzt nach Jahren endlich meinen Traumberuf. Reines Vorstadt-Reihenhaus-Glück also... trotzdem fühle ich mich in letzter Zeit öfters, als wäre ich in einer dämlichen Fernsehserie gelandet – denn ganz álà „Verzweifelte Hausfrauen“ (die ich übrigens hasse!) spüre ich zurzeit, dass mir das einfach nicht reicht. In mir wächst das Bedürfnis, mal etwas anderes auszuprobieren, neue Wege zu gehen, kurz: BDSM mal mit jemand anderem zu erleben. Allein die Erkenntnis darüber ist ein Riesenschock für mich – ich liebe meinen Mann über alles und es ist seltsam für mich, auf einmal über einen Seitensprung nachzudenken – und nichts anderes ist das für mich...

Wochenlang drehte ich mich im Kreis, grübelte, schrieb, weinte – und merkte, wie ich mich immer weiter von meiner heilen Welt entfernte. Mein Leben erschien mir auf einmal irgendwie unwirklich und ich quälte mich mit Selbstzweifeln. Bin ich unmoralisch, bin ich undankbar? Kann ich dem Menschen, den ich über alles liebe, solche „Forderungen“ zumuten? Will ich überhaupt fordern, wäre es nicht einfacher heimlich – oder überhaupt nicht? Einfach warten, dass es von allein vorbeigeht? Und überhaupt - warum zum Teufel kann ich nicht endlich einmal zufrieden sein?

Andere Frauen würden morden für mein Leben – und ich denke ans Ausbrechen?? Solche Gedanken schwirrten mir ununterbrochen durch den Kopf und ich fühlte mich wirklich mies...
Dazu muss ich sagen, dass Monogamie für mich immer die einzig akzeptable Beziehungsform war. Ich sah offene Beziehungen immer als eine zum Scheitern verurteilte Lebensform zweier Menschen an, die sich nicht festlegen wollen. Wie schnell man doch klüger wird... Was tut man denn, wenn man etwas vermisst, aber deswegen nicht gleich alles verlieren will?

Mein Mann sah sich das Ganze ziemlich lange an, bevor er mich darauf ansprach. „Egal, was dich anfrisst“, sagte er irgendwann zu mir, „es steht zwischen uns und deshalb wird es über kurz oder lang unsere Beziehung zerstören“. Das war ein herber Schlag für mich – ich hatte nur geschwiegen, um meine Beziehung zu schützen, hatte ihn vor meinen Zweifeln abschirmen wollen – und jetzt sollte schließlich doch alles kaputt gehen – wegen dieses „Fluchs“? Ich hatte wirklich Angst, er würde gehen. Ich war mir sogar sicher, er würde gehen. Was kann man seinem Partner Schlimmeres antun als ihm zu sagen: „Du genügst mir nicht?“

Aber er ging nicht. Er war auch nicht böse, schien noch nicht mal überrascht. Stattdessen nahm er mich in den Arm, fragte mich, wann ich endlich lernen würde, wirklich zu vertrauen. Er erklärte mir, dass es für ihn kein Problem darstelle, wenn ich anderweitig ausgehe – unter gewissen Bedingungen natürlich...

Seit dem Gespräch sind mittlerweile einige Wochen vergangen und das Ergebnis ist verblüffend. Unsere Beziehung hat sich wirklich um 100% verbessert. Es ist, als wäre ein Damm gebrochen, wir können endlich frei über alles sprechen, wie gute Freunde. Fast könnte man meinen, er mag den Gedanken, mich auch mal jemand anderem zu überlassen... Außerdem spüre ich mit einer gewissen Verwunderung, dass es mir auch gut tut, mir seiner nicht mehr absolut sicher sein zu können. Plötzlich haben wir beide wieder das Bedürfnis, füreinander interessant zu sein. Und was für mich das Schönste ist – ich weiß jetzt, egal auf welchen Weg mich die Sklavin in mir zerrt, ich kann ihn daran teilhaben lassen. Und dieses Teilen des Lebens, dieses „miteinander gehen“ ist das, was für mich eine gute Beziehung im Endeffekt ausmacht – mehr als jede körperliche Treue.

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